Ich bin offen für Kritik. Deine zählt allerdings nicht.
Natürlich würde ich das nie so sagen. Ich würde erklären, dass du die Situation nicht vollständig kennst, dein Ton wenig konstruktiv war und du ohnehin unterschätzt, wie anspruchsvoll meine Aufgabe ist.
Damit hätte ich deine Rückmeldung ziemlich gründlich entkräftet und könnte mich weiterhin für einen Menschen halten, der gut mit Kritik umgehen kann.
Genau diese Fähigkeit, uns selbst eine überzeugende Geschichte zu erzählen, fasziniert mich. Wir können uns für vertrauensvoll halten und jede Entscheidung kontrollieren, eine offene Gesprächskultur wünschen und auf Widerspruch gekränkt reagieren. Die Erklärungen dafür sind oft so nachvollziehbar, dass uns der Widerspruch kaum noch auffällt.
Leon Festinger beschrieb mit der kognitiven Dissonanz jene innere Spannung, die entstehen kann, wenn unsere Überzeugungen, unser Verhalten oder neue Informationen nicht zusammenpassen. Eine kritische Rückmeldung betrifft dann plötzlich mehr als eine einzelne Entscheidung. Sie berührt vielleicht unsere Vorstellung davon, eine faire Chefin, ein verlässlicher Kollege oder eine kompetente Fachperson zu sein.
Entsprechend viel steht auf dem Spiel, wenn wir sie ernst nehmen.
Dieses Wissen prägt meinen Blick, wenn ich Menschen, Teams und Organisationen begleite. Im Coaching interessiert mich beispielsweise, weshalb eine bestimmte Rückmeldung jemanden so beschäftigt. In der Supervision schauen wir gemeinsam darauf, wo der Anspruch eines Teams und sein tatsächliches Miteinander auseinanderliegen. Und in einer Mediation kann es entscheidend sein, zu verstehen, welches Bild von sich selbst jemand mit seiner Position verteidigt.
Dabei braucht es Fingerspitzengefühl. Wer sich blossgestellt fühlt, wird seine Sicht kaum neugierig überprüfen. Gleichzeitig bringt uns eine Begleitung wenig, in der jede Erklärung verständnisvoll stehen bleiben darf und niemand den Widerspruch anspricht.
Ich möchte einen Rahmen schaffen, in dem beides möglich ist: das Gesicht zu wahren und trotzdem ehrlich hinzuschauen.
Eine Frage, die ich dafür gerne nutze, lautet:
«Wenn an dieser Rückmeldung etwas dran wäre, was müsste ich dann überdenken?»
Auch mir selbst stelle ich sie, besonders wenn mir auffallend schnell auffallend viele Gründe einfallen, weshalb eine Kritik unberechtigt ist.
Vielleicht beginnt Offenheit genau in diesem Moment: wenn die eigene Erklärung schlüssig klingt und wir trotzdem noch einmal hinhören.